Portfolio
Clara Jing Hohmann
Wie können wir allgegenwärtige technologische Beschleunigung steuern und in eine progressive gesellschaftliche Dynamik übersetzen?
(vgl. Armen Avanessian, "dea ex machina", hrsg. von Armen Avanessian und Helen Hester, Merve Verlag Berlin 2015, Seite 13)
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Praktikum digitale Bild- und Sprachbearbeitung
Tutorin 08/2018 - 08/2019, TU München
Das Modul
Praktikum digitale Bild- und Sprachbearbeitung zielte darauf ab, Probleme aus den Bereichen der Mustererkennung, Sprach- und Bildverarbeitung in Form einer interaktiven Versuchsumgebung zu vermitteln. Am Lehrstuhl Mensch-Maschine-Kommunikation der TU München haben wir ein Matlab-Skript geschrieben, welches von Teilnehmer*innen des Kurses online erarbeitet werden konnte.
Neben einer Vertiefung in das technische Verständnis, hatte ich als erste Ansprechperson für Fragestellungen die Möglichkeit, Einblicke in eigene Ansätze und Versuche der Teilnehmer*innen zu erhalten.
Beeindruckend waren neben sehr guten technischen Umsetzungen auch die kaum vorhandende Reflektion des eigenen Tuns.
Ein Student kontaktierte mich mit der Bitte, ihn bei der Fehlersuche eins selbst geschriebenen Codes zu unterstützen.
Er hatte meine Stimme aufgenommen, charakteristische Merkmale bestimmt und damit eine frei gewählte Wortkombination nachsprechen lassen. Das von uns bereitgestellte Sprecherauthentifizierungs-Tool identifizierte die Nachahmung als außerhalb der Abweichungstoleranz zur Original-Datei und lehnte sie ab.
Ein daraufhin folgender Vorschlag meinerseits an den Lehrstuhl, den Praktikumsverlauf mit einem Diskussionsformat hinsichtlich des möglichen Missbrauchs- und Nutzungspotential abzuschließen, wurde mangels zeitlicher Kapazitäten verworfen. Ich wurde dafür auf spezialisierte, sich nur mit dem
Spannungsfeld Technologie und Ethik auseinandersetzende Module verwiesen.
Dieses Beispiel zeigt eine von mir häufig wahrgenommene Tendenz im IT– und Hightech-Bereich, gesellschaftliche und technologische Entwicklung getrennt voneinander zu betrachten.
Angesichts der Tatsache, dass die in diesem Modul vermittelten Kenntnisse in Kombination mit einem Verständnis für künstliche neuronale Netze ausreichend sind, um einfache Formen von
Deepfakes zu erstellen, halte ich es für relevante Fragestellungen, inwiefern
- ethische Aspekte mit Blick auf technische Entwicklungen eine begleitende moralische Empfehlung oder eine maßgebliche Richtlinie sind
- das Potential der Technologie in einem positiven soziokulturellen Kontext genutzt werden kann
Biofficiency
Forschungspraktikum 11/2018 – 04/2019, TU München
Biofficiency war ein europaweites Forschungsprojekt, in dessen Rahmen sich der Lehrstuhl für Energiesysteme an der TU München mit näherungsweise CO
2- neutralen Wärme- und Stromerzeugungsmethoden beschäftigte - konkret mit Biomasse betriebenen
Kraft-Wärme-Kopplungs (KWK)-Anlangen.
Diese weisen gegenüber anderen Energiegewinnungsmethoden den Vorteil auf, dass sie durch eine entsprechende Nachrüstung in ehemaligen Kohlekraftwerken stattfinden und somit auf bestehende Infrastrukturen zurückgreifen können.
Der Fokus meiner sechsmonatigen Tätigkeit lag in der Erforschung zwei in großer Menge verfügbarer günstiger Rohstoffquellen. Diese waren Fichtenrinde und Weizenstroh.
Verschiedene Vorbehandlungsmethoden und die anschließende experimentelle Veraschung der Proben ließen Rückschlüsse auf die Eignung für biomassebasierte Energiegewinnung zu.
Kriterien für die Beurteilung dabei waren :
- die bei der im Kraftwerk durch Verbrennung freiwerdende Energiemenge im Verhältnis zum verwendeten Rohmaterial (nachgestellt im Ofen)
- die Aschezusammensetzung der verbrannten Biomasse, da bestimmte anorganische Anteile in der Asche (vor allem Chlor, Schwefel und Alkalimetalle) zu großen Problemen im Reaktorbehälter führen und der Hauptlimitierungsfaktor für Effizienzsteigerungen in KWK-Kraftwerken sind
Die Auswertung meiner Versuchsreihe hat gezeigt, dass die Aschezusammensetzung und insbesondere die Möglichkeit des Herauslösens problematischer Substanzen bei verschiedenen Biomassen sehr stark varrieren. Fichtenrinde ist entsprechend dieser
Forschungsresultate ein geeignetes Material zur Biomasseverbrennung. Die Verbrennungseigenschaften können durch eine vorangehende hydrothermale Karbonisierung der Fichtenrinde weiter verbessert werden.
Trotz der positiven Ergebnisse in den abschließend veröffentlichten
Publikationen 2019/2020, hat im Anschluss des dreijährigen Projekts kein Transfer in die Anwendung stattgefunden. Eine in abgeschalteten Kohlekraftwerken geplante Testreihe ist an Finanzierungsproblemen gescheitert.
Gleichzeitig stellte sich mir im Laufe des Praktikums wiederholt die Frage, warum der Projektablauf praktische Übertragungen erst streng chronologisch nach Veröffentlichen der theoretischen Ergebnisse vorsieht. Sollte den
Klimaschutz betreffende Forschung nicht zum frühest möglichem Zeitpunkt anhand von Simulationen, Tests und realen Anwendungen in die Praxis überführt werden?
Wenn
Zeit der wichtigste und gleichzeitig limitierende Faktor zum Erreichen des Ziels ist, wie lässt ich dann ein nicht zeitoptimierter Ablauf verantworten?
Kunstbüro
Hohmann und Heid
kuratorisches Kunstprojekt, seit 2020
Kunstbüro Hohmann und Heid ist ein kuratorisches Projekt von Marla Heid und mir. Wir wollen einen dynamischen Diskurs innerhalb und außerhalb des Kunstkontextes initiieren.
Dabei interessieren wir uns insbesondere für die Grenzen des
konventionellen Ausstellungsraums und beabsichtigen eine Plattform für experimentelle Interventionen zu schaffen.
In den vergangenen Wintermonaten organisierten wir in den Räumlichkeiten einer temporär geschlossenen Eisdiele insgesamt drei Ausstellungen mit verschiedenen Ausstellungskonzepten. Wir eröffneten im November 2020 mit
this is the first show, einer Auswahl von Foto- und Videoarbeiten von Marla Heid und mir.
Angesichts der sich verschärfenden Einschränkungen aufgrund der Covid-19-Pandemie änderten wir im Dezember 2020 unser begehbares Ausstellungsformat zu
Windows Explorer, zwei von der Straße einsehbaren Fensterfronten.
Ausgestattet mit zwei 3 x 2 Meter großen Fenstern entwickelten wir diese Fläche von einer physischen Barriere zu einem haptischen Erfahrungsschirm. Durch diesen konnten die Besucher*innen, die gezeigten Werke betrachten und über einen QR-Code akustisch erleben.
So wurden Passant*innen zu Besucher*innen.
Die Künstlerin Lilliån Cebën zeigte in der Ausstellung
transcience ein multimediales Wechselpiel von organischen Materialen und kunststoffbasierten Arbeiten. Widerkehrende Passant*innen konnten im Verlaufe des einmonatigen Ausstellungszeitraums den natürlichen Verwesungsprozess in Teilen der Installation und den sich damit verändernden Raum mitverfolgen.
Bei der darauffolgenden Ausstellung
Significant Pleasures handelte es sich um eine audiovisuelle Lichtinstallation von Sophie Hundbiss und Robin Woern.
Ausgehend von der mittig im Raum positionierten Eisvitrine wurde eine Lichtkomposition nach außen geworfen, welche durch die Schaufenster zu sehen war.
Das Projekt ermöglicht mir, mich mit Ideen und Konzepten anderer Künstler*innen auseinanderzusetzen, um dann zu kuratieren und sie einem Publikum zugänglich zu machen.
Unser Wunsch ist es, Orte für informelle Begegnungen und freie Diskussionräume zu schaffen.
Weitere Informationen finden sich auf der selbst geschriebenen
Website.
Poröse Grenzen
ein Gedicht, 05/2021
Ich setze an, die Eiswürfel springen.
Wenig Sonne, Luxussteuer und nur 12 Prozent
trotzdem schaffen sie es nicht,
bleiben drinnen
im kälter gewordenen Drink
Wir streiten um sechseckige Sterne*.
Die Diskussion wird vorzeitig beendet,
denn es reflektiert von der energiespeichernden Fassade,
Ich meine die gegenüberliegende Wand.
Die Zigarette glimmt unregelmäßig vom nah-östlichen Rand,
& auch der Rhythmus läuft im Kopf weiter, du denkst an
Kant, ehrlicher ist Strand
Es reicht, grässliche Reisen sind passé.
Sitze nur noch noch auf bekannten Bänken,
& beobachte Orangen wie sie sich gegenseitig
in gewölbten Gläsern versenken
Entschleunigung ist langweilig.
Ihr Ton echauffiert, fürchtet sich vor jeder Blase
& nicht nur Keramik, auch Grenzen werden porös,
bröseln mit jeder Frage
Kondensperlen tränen von der Wand,
Für die Eiswürfel ist es zu spät,
sie sind schon lange verschwunden im Aperolschlier-Gedicht.
Plötzliche Einigkeit, hier soll heute noch was fallen
nur die Routine stellt sich quer, linkskonservativ hält sie am Jetzt
eine Selbstillusion, sie hat Angst vor der Zukunft
⁃ deswegen will sie sie nicht
Panierstraße 11
leerstehende Gewerbefläche, Aufnahme 05/2021
Weserstraße 157
leerstehende Gewerbefläche, Aufnahme 05/2021
Weichselstraße 17
leerstehende Gewerbefläche, Aufnahme 05/2021
Adresse 0815
Aufnahme 05/2021, leerstehende Gewerbefläche
Einführung
Blühende Öde ist eine experimentelle Auseinandersetzung
mit
leerstehenden Gewerbeflächen. Anhand des rechts zu sehenden Ausschnitts des Berliner Bezirks Neukölln möchte ich eine digitale Umgebung erschaffen, in der ungenutzter Raum und dessen Potential im urbanen Stadtbild sichtbar wird.
Temporärer Zugang zu Raum bietet Projekten und Initiativen die Chance, neue Formate auszuprobieren, mit anderen Akteur*innen zusammenzuarbeiten und Publikum abseits der etablierten Strukturen zu erreichen. Dennoch ist Leerstand für den Zeitspann des Leerstehens nur selten zugänglich.
Die Intention des Projekts ist es, die gegebenen Umstände künstlich zu erweitern und nach
Heidelbergers Definition des Experiments, eine natürlich nicht vorkommende Situation zu schaffen: die Annahme einer freien Nutzungsmöglichkeit von freiem Raum.
Blühende Öde stellt damit folgende Fragen:
- Was kann ich in diesem Raum umsetzen?
- Mit wem?
- Für wen?
Eine interaktive Website ermöglicht es, Nutzer*innen sich experimentell - also ohne Kenntnis über das konkrete Ziel - mit dieser Fragestellung auseinanderzusetzen. Losgelöst vom Kriterium der Umsetzbarkeit sollen auf diese Weise neue
Ergebnisse und Ideen gefunden werden.
Bis zur Fertigstellung der Website
Blühende Öde werde ich den bereits geschriebenen
Code und damit entstehenden digitalen Raum als Ausstellungsfläche meines Portfolios nutzen.
Auf der rechten Seite ist eine
interaktive Karte zu sehen. Die in einer Recherchearbeit ermittelten Leerstände sind darin als grüne Pixel markiert.
Diese lassen sich jeweils einzeln anklicken und zeigen dann eine Auswahl von mir umgesetzter Projekte und Arbeiten.
Die im Text unterstrichenen Wörter öffnen durch Anklicken ein Fenster auf der rechten Seite. Dort lassen sich für den jeweiligen Kontext relevante Literatur, Fragestellungen und Dateien nachlesen.
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